Mittwoch, 1. Oktober 2008
Mittwoch, 1. Oktober 2008
klopfzeichen
eigentlich war es nichts
nichts beunruhigendes
ein dunkles klopfen
in meinem weissen rauschen
vorbei - morgen
es sei denn, er kommt wieder
denke ich
nichts beunruhigendes
ein dunkles klopfen
in meinem weissen rauschen
vorbei - morgen
es sei denn, er kommt wieder
denke ich
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Dienstag, 30. September 2008
Dienstag, 30. September 2008
Der letzte Sommer
Unter der Brücke ist es dunkel und kühl. Nur ein weit
entferntes leises böses Summen schwirrt in der Luft.
Es ist heiß und wie in jeden Sommer langweilig. Die
Kinderbande Manfred, Birgit, Carmen und Rudi treffen
sich im alten Mähdrescher, der auf dem Dorfplatz vor
sich hin rottet. Dort war nur etwas los, wenn ein
Zirkus kam, oder die Kerbburschen laut singend vom
Dorf einfielen und Bier und Korn in sich
hineinschütteten. Dann gab es auch immer Schlägereien.
„Eine feine Sache.“, wie die Kinder fanden. Der Bauer
hat in einem kleinen Verschlag am Rande des Platzes
seine Schafsherde untergebracht. Mal waren es Kühe,
mal Hühner, mal Gänse, in diesem Jahr blökende Schafe,
deren Mist in der Sonnenhitze müffelte.
Vor ein paar Tagen kam ein komischer Kauz in das Dorf
und verteilte Handzettel: „Dr. Q hilft ihnen bei allen
Sorgen, beim Lottogewinn, bei Liebeskummer,
Unfruchtbarkeit, Schwermut, wenn der Tracktormotor
klemmt oder die Kühe nicht kalben. Fragen sie um Rat!“
. Er hauste in einem heruntergekommenen Campermobil,
dass er auf dem Dorfplatz parkte. Es war voll gestopft
mit Glasflaschen, Einmachgläsern, Dosen und Töpfen mit
unheimlichen Substanzen darin. „Knochen von Tieren und
Menschen.“ , flüsterten die Kinder. Nach einem kurzen
aber heftigen Streit jagten der Bürgermeister, der
Herr Doktor und der Hellermeier aus dem Einkaufsladen den
Fremden aus dem Dorf.
Die vier machen es sich im Zwischenboden des alten
Mähdreschers gemütlich. Die Luft steht und es riecht
nach trockenem Heu. Staubflocken schwirren durch die
Luft und im Holz des Mähdreschers klopfen kleine
Insekten. „Dr. Q hat sie“. „Hat er nicht!". „Ach ja!
Woher willst du das wissen, Roterrudischlaumeier?“,
Manfred und Rudi streiten sich. „Ich weiß es halt.“,
sagt Rudi trotzig. Nur zwei Ortschaften weiter, wurde
ein junges Liebespaar vermisst. Nur den Traktor und
das Fahrrad fand man im Wald und zwei Paar Schuhe,
gefüllt mit Blut. Die Polizei und die Feuerwehr
durchsuchte alles, jede Scheune, jeden Zipfel des
Waldes, die verwilderte Böschung am Fluss - aber die
beiden Jugendlichen blieben verschwunden. „Sie haben
sich geküsst“, lauert Manfred. „IHHHH - wirklich?“,
quiekt Birgit. „Sie hatte einen weißen Rock an.“,
sagte Rudi. „Ach ja, und woher willst du das wissen?“,
neckt ihn Manfred. Rudi schmollt. Es war wie immer,
keiner glaubt ihm. Die Kinder malen sich aus, wie der
Mörder dem Liebespaar auflauert. Da war es. Es hörte
sich an, wie ein Stöhnen aus der hinteren dunklen
Ecke. Jedes Knacken in der alten Maschine war jetzt
wahnsinnig laut. Knarrten die alten, morschen Dielen
unter einem Schritt? War das wirklich altes Schmieröl
an der großen Kurbelwelle oder doch getrocknetes Blut?
Plötzlich riecht es nach Angst. „Ist da jemand?“, ruft
Carmen mit weit aufgerissenen Augen. Panisch
kletterten die Kinder aus dem dunklen Inneren des
Mähdreschers heraus und springen tief aufatmend hinaus
in die Sonne. “Noch mal Glück gehabt”, kreischt der
spargeldünne Manfred, und reibt die Staubflocken von
seiner Brille. Die pummelige Birgit und die
sonnenstrahlenbraune Carmen schubsten sich an und
rufen erleichtert im Chor: “Sind die blöd!” Rudi
versuchte, einen Asthmaanfall zu verheimlichen und
verdrückt sich Richtung Brücke.
Er kriecht den schmalen ausgetretenen Weg an der
Brückenseite entlang hinunter und versucht den
Brennnesseln auszuweichen. Das Wasser zieht dunkelgrün
und träge am Ufer vorbei. Schaumkronen und
Seifenblasen schwimmen an der Oberfläche. Rudi weiß,
die Seifenfabrik weiter hinten im Tal hat wieder
Abwasser abgelassen. Er wirft ein paar Steine ins
Wasser. Langsam beruhigt sich sein Atem wieder.
Sicherheitshalber holt er seinen blauen Inhaltor
heraus und saugt die Medizin in seinen Körper. Von
weitem hörte er seine Freunde schnattern. Aber hier
unter der Brücke ist es ruhig. Nur ein paar Fliegen
summen um etwas herum, dass dunkel im Schatten der
Brücke liegt. Er bückt sich und schleicht an das Etwas
heran. Plötzlich glotzen ihn aus dem Dunkel zwei
grau/blau/milchige Augen an. Das eine Auge bewegte
sich und ein fetter Wurm bohrte sich mitten durch die
schwarze Pupille. Rudi sieht genauer hin und entdeckt,
dass auf der dunklen Haut viele Würmer herumkriechen
und Fliegen sich wie kleine Fäuste ballen.
Hinten im Dunkel glaubt er einen Ast zu sehen:
“perfekt!", murmelt er, “das Ding schau’ ich mir
genauer an.” Insgeheim plant er den Tierkopf auf den
Stock zu spießen und den anderen einen gewaltigen
Schrecken einzujagen. Er sieht schon den vor Eckel und
Angst aufgerissenen Mund von Birgit vor sich und
kichert boshaft.
Ein kurzer Schrei erschreckt die Freunde auf der
Wiese: “Der Mörder, der Mörder. “Er hat Rudi, er hat
Rudi!”, laut rufend rennen sie ins Dorf zurück.
Dann kam der Bauer zur Polizeistation und meldet, dass
jemand ein Schaf auf dem Dorfplatz aufgeknüpft hat. Am
Baum hinter dem kleine Stall. Und dass er dort auch
noch einen Asthma Spray in den Gedärmen des Tiers
gefunden hat.
Die Suche nach Rudi beginnt an Dorfplatz. Der
Dorfpolizist, der Bürgermeister und Herr Hellermeier
kriechen unter die Brücke. “Man kann den Fremden
einfach nicht trauen!”, schimpft der rotgesichtige
Bürgermeister. Herr Hellermeier hat Angst um seinen Neffen,
den kleinen Rudi. Aber Herr Hellermeier hat auch Angst vor
dem Bürgermeister. Zuhause liegt Frau Hellermeier im
dunkeln Zimmer mit einer Migräne, die sie der Hölle
näher bringt. In der katholischen Kirche betet der
Priester am Altar zur Heiligen Maria.
“Das ist ein Reh.”, sagt der Hellermeier. “Ach ja! Was bist
denn du für ein Jäger?”, fährt der Bürgermeister ihn
besserwisserisch an, “sieht doch jeder, dass ist ein
Schafskopf und ein toter noch dazu.” Die Taschenlampen
erleuchten den abgetrennten Kopf. Plötzlich bewegt er
sich. Für einen Moment zucken die drei Männer
zusammen. Eine Ratte springt aus dem verzerrten Maul
und verzieht sich ins Dunkle der Brücke.
Die Polizei und die Feuerwehr suchen den Fluss ab,
jeden Zipfel der Wiesen und der Böschungen. Aber Rudi
bleibt verschwunden. Der Bauer hatte ein Schaf
weniger. Die Dorfkinder erhalten Spielverbot in den
Wiesen und auf dem Dorfplatz. Die alte Dreschmaschine
landet auf dem Schrottplatz.
Rudis Eltern suchen irgendwann nicht mehr nach ihrem
Kind, ausgeweint und mit gebrochenem Herzen. Das Dorf
wird eingemeindet, in der nächsten Kleinstadt ein
großes, neues Shoppingcenter gebaut und eine
Gesamtschule. Der Bürgermeister geht ins Ehrenamt und
Hellermeiers Einkaufsladen wird geschlossen. Wie jedes
Jahr, nehmen die Dorfbewohner am Wettbewerb „Schönstes
Dorf “ teil. In den Vorgärten blüht es üppig, die
Bürgersteige sind wie geleckt, selbst die Vögel sitzen
manierlich in den Ästen. Es ist Sommer und wie immer,
langweilt sich die Dorfjugend.
Am Hang, etwas entfernt vom Dorf, liegt der kleine
Friedhof. Rudi, der schon lange Christoph heißt, steht
am Grabstein seiner Eltern: „Ohne dich, ist unser
Leben sinnlos.“ Von dort ist das Tal zu sehen und der
dunkle Fluss, die verwilderte, zugewachsene
Uferböschung und die Brücke. Christoph blinzelt in die
Sonne.
„Einmal Mörderdorf – immer Mörderdorf.“ Er betrachtet
die Einsatzfahrtzeuge der Polizei, die wie grüne
Matchboxautos aussehen und jetzt in das Dorf
hineinrasen. Der Altbürgermeister und der Hellermeier sind
tot. Die beiden Männer sitzen in ihren Wohnzimmern und
halten einen vermoderten Schafskopf im Schoß. Später
wird der ergraute, immer noch spargeldünne Manfred,
die noch pummeligere, jetzt blondiert Birgit, und die
nervöse Carmen sagen, sie hätten einen Mann im Dorf
gesehen, einen komischen Fremden, schlank und hoch
gewachsen, mit schwarzem Haar. Und das sie irgendwie
alle an Rudi denken mussten, aber der ist ja seit
vielen Jahren tot.
Ein bitteres Lachen hetzt aus Christophs Kehle. Er
zerknüllt einen verblichenen Handzettel: „Dr. Q hilft
ihnen bei allen Sorgen, beim Lottogewinn, bei
Liebeskummer, Unfruchtbarkeit, Schwermut, wenn der
Tracktormotor klemmt oder die Kühe nicht kalben.
Fragen sie um Rat!“. Er erinnert sich die Hand des
Bürgermeisters, die ihn brutal unter Wasser drückt.
Und wie er keine Luft mehr bekommt und nicht mehr
schreien kann. Bis er wieder aufwacht, von einem Mann
gerettet und behütet, der sein Vater wird und ihm
beibringt, was Liebe bedeutet. Er nimmt seinen blauen
Inhalator aus der Tasche und atmet den bitteren Nebel
tief ein. Er spürt, wie sein Bronchiengewebe sich
langsam entspannt und Luft wieder aus ihm herauskommt.
Er wollte nur einen Lutscher bei seinem Onkel klauen.
Dann hat er die beiden gesehen, wie sie etwas in
Zöllers hinterem Zuckerversteck verbargen. Sein Onkel
war kreidebleich, der Bürgermeister bedrohlich groß.
Der weiße Mädchenrock und der schwarze Ledergürtel
waren wohl sein Todesurteil. Aber wer hätte schon
einem Jungen geglaubt, den es nicht mehr gibt, den
keiner sucht und der nachts im Traum im Himmel tanzt,
mit einem jungen Mädchen und ihrem Freund. Und morgens
immer aufwacht, von der Hand die ihn streichelt,
dort wo sie nicht streicheln darf.
(©) project crema/2008
entferntes leises böses Summen schwirrt in der Luft.
Es ist heiß und wie in jeden Sommer langweilig. Die
Kinderbande Manfred, Birgit, Carmen und Rudi treffen
sich im alten Mähdrescher, der auf dem Dorfplatz vor
sich hin rottet. Dort war nur etwas los, wenn ein
Zirkus kam, oder die Kerbburschen laut singend vom
Dorf einfielen und Bier und Korn in sich
hineinschütteten. Dann gab es auch immer Schlägereien.
„Eine feine Sache.“, wie die Kinder fanden. Der Bauer
hat in einem kleinen Verschlag am Rande des Platzes
seine Schafsherde untergebracht. Mal waren es Kühe,
mal Hühner, mal Gänse, in diesem Jahr blökende Schafe,
deren Mist in der Sonnenhitze müffelte.
Vor ein paar Tagen kam ein komischer Kauz in das Dorf
und verteilte Handzettel: „Dr. Q hilft ihnen bei allen
Sorgen, beim Lottogewinn, bei Liebeskummer,
Unfruchtbarkeit, Schwermut, wenn der Tracktormotor
klemmt oder die Kühe nicht kalben. Fragen sie um Rat!“
. Er hauste in einem heruntergekommenen Campermobil,
dass er auf dem Dorfplatz parkte. Es war voll gestopft
mit Glasflaschen, Einmachgläsern, Dosen und Töpfen mit
unheimlichen Substanzen darin. „Knochen von Tieren und
Menschen.“ , flüsterten die Kinder. Nach einem kurzen
aber heftigen Streit jagten der Bürgermeister, der
Herr Doktor und der Hellermeier aus dem Einkaufsladen den
Fremden aus dem Dorf.
Die vier machen es sich im Zwischenboden des alten
Mähdreschers gemütlich. Die Luft steht und es riecht
nach trockenem Heu. Staubflocken schwirren durch die
Luft und im Holz des Mähdreschers klopfen kleine
Insekten. „Dr. Q hat sie“. „Hat er nicht!". „Ach ja!
Woher willst du das wissen, Roterrudischlaumeier?“,
Manfred und Rudi streiten sich. „Ich weiß es halt.“,
sagt Rudi trotzig. Nur zwei Ortschaften weiter, wurde
ein junges Liebespaar vermisst. Nur den Traktor und
das Fahrrad fand man im Wald und zwei Paar Schuhe,
gefüllt mit Blut. Die Polizei und die Feuerwehr
durchsuchte alles, jede Scheune, jeden Zipfel des
Waldes, die verwilderte Böschung am Fluss - aber die
beiden Jugendlichen blieben verschwunden. „Sie haben
sich geküsst“, lauert Manfred. „IHHHH - wirklich?“,
quiekt Birgit. „Sie hatte einen weißen Rock an.“,
sagte Rudi. „Ach ja, und woher willst du das wissen?“,
neckt ihn Manfred. Rudi schmollt. Es war wie immer,
keiner glaubt ihm. Die Kinder malen sich aus, wie der
Mörder dem Liebespaar auflauert. Da war es. Es hörte
sich an, wie ein Stöhnen aus der hinteren dunklen
Ecke. Jedes Knacken in der alten Maschine war jetzt
wahnsinnig laut. Knarrten die alten, morschen Dielen
unter einem Schritt? War das wirklich altes Schmieröl
an der großen Kurbelwelle oder doch getrocknetes Blut?
Plötzlich riecht es nach Angst. „Ist da jemand?“, ruft
Carmen mit weit aufgerissenen Augen. Panisch
kletterten die Kinder aus dem dunklen Inneren des
Mähdreschers heraus und springen tief aufatmend hinaus
in die Sonne. “Noch mal Glück gehabt”, kreischt der
spargeldünne Manfred, und reibt die Staubflocken von
seiner Brille. Die pummelige Birgit und die
sonnenstrahlenbraune Carmen schubsten sich an und
rufen erleichtert im Chor: “Sind die blöd!” Rudi
versuchte, einen Asthmaanfall zu verheimlichen und
verdrückt sich Richtung Brücke.
Er kriecht den schmalen ausgetretenen Weg an der
Brückenseite entlang hinunter und versucht den
Brennnesseln auszuweichen. Das Wasser zieht dunkelgrün
und träge am Ufer vorbei. Schaumkronen und
Seifenblasen schwimmen an der Oberfläche. Rudi weiß,
die Seifenfabrik weiter hinten im Tal hat wieder
Abwasser abgelassen. Er wirft ein paar Steine ins
Wasser. Langsam beruhigt sich sein Atem wieder.
Sicherheitshalber holt er seinen blauen Inhaltor
heraus und saugt die Medizin in seinen Körper. Von
weitem hörte er seine Freunde schnattern. Aber hier
unter der Brücke ist es ruhig. Nur ein paar Fliegen
summen um etwas herum, dass dunkel im Schatten der
Brücke liegt. Er bückt sich und schleicht an das Etwas
heran. Plötzlich glotzen ihn aus dem Dunkel zwei
grau/blau/milchige Augen an. Das eine Auge bewegte
sich und ein fetter Wurm bohrte sich mitten durch die
schwarze Pupille. Rudi sieht genauer hin und entdeckt,
dass auf der dunklen Haut viele Würmer herumkriechen
und Fliegen sich wie kleine Fäuste ballen.
Hinten im Dunkel glaubt er einen Ast zu sehen:
“perfekt!", murmelt er, “das Ding schau’ ich mir
genauer an.” Insgeheim plant er den Tierkopf auf den
Stock zu spießen und den anderen einen gewaltigen
Schrecken einzujagen. Er sieht schon den vor Eckel und
Angst aufgerissenen Mund von Birgit vor sich und
kichert boshaft.
Ein kurzer Schrei erschreckt die Freunde auf der
Wiese: “Der Mörder, der Mörder. “Er hat Rudi, er hat
Rudi!”, laut rufend rennen sie ins Dorf zurück.
Dann kam der Bauer zur Polizeistation und meldet, dass
jemand ein Schaf auf dem Dorfplatz aufgeknüpft hat. Am
Baum hinter dem kleine Stall. Und dass er dort auch
noch einen Asthma Spray in den Gedärmen des Tiers
gefunden hat.
Die Suche nach Rudi beginnt an Dorfplatz. Der
Dorfpolizist, der Bürgermeister und Herr Hellermeier
kriechen unter die Brücke. “Man kann den Fremden
einfach nicht trauen!”, schimpft der rotgesichtige
Bürgermeister. Herr Hellermeier hat Angst um seinen Neffen,
den kleinen Rudi. Aber Herr Hellermeier hat auch Angst vor
dem Bürgermeister. Zuhause liegt Frau Hellermeier im
dunkeln Zimmer mit einer Migräne, die sie der Hölle
näher bringt. In der katholischen Kirche betet der
Priester am Altar zur Heiligen Maria.
“Das ist ein Reh.”, sagt der Hellermeier. “Ach ja! Was bist
denn du für ein Jäger?”, fährt der Bürgermeister ihn
besserwisserisch an, “sieht doch jeder, dass ist ein
Schafskopf und ein toter noch dazu.” Die Taschenlampen
erleuchten den abgetrennten Kopf. Plötzlich bewegt er
sich. Für einen Moment zucken die drei Männer
zusammen. Eine Ratte springt aus dem verzerrten Maul
und verzieht sich ins Dunkle der Brücke.
Die Polizei und die Feuerwehr suchen den Fluss ab,
jeden Zipfel der Wiesen und der Böschungen. Aber Rudi
bleibt verschwunden. Der Bauer hatte ein Schaf
weniger. Die Dorfkinder erhalten Spielverbot in den
Wiesen und auf dem Dorfplatz. Die alte Dreschmaschine
landet auf dem Schrottplatz.
Rudis Eltern suchen irgendwann nicht mehr nach ihrem
Kind, ausgeweint und mit gebrochenem Herzen. Das Dorf
wird eingemeindet, in der nächsten Kleinstadt ein
großes, neues Shoppingcenter gebaut und eine
Gesamtschule. Der Bürgermeister geht ins Ehrenamt und
Hellermeiers Einkaufsladen wird geschlossen. Wie jedes
Jahr, nehmen die Dorfbewohner am Wettbewerb „Schönstes
Dorf “ teil. In den Vorgärten blüht es üppig, die
Bürgersteige sind wie geleckt, selbst die Vögel sitzen
manierlich in den Ästen. Es ist Sommer und wie immer,
langweilt sich die Dorfjugend.
Am Hang, etwas entfernt vom Dorf, liegt der kleine
Friedhof. Rudi, der schon lange Christoph heißt, steht
am Grabstein seiner Eltern: „Ohne dich, ist unser
Leben sinnlos.“ Von dort ist das Tal zu sehen und der
dunkle Fluss, die verwilderte, zugewachsene
Uferböschung und die Brücke. Christoph blinzelt in die
Sonne.
„Einmal Mörderdorf – immer Mörderdorf.“ Er betrachtet
die Einsatzfahrtzeuge der Polizei, die wie grüne
Matchboxautos aussehen und jetzt in das Dorf
hineinrasen. Der Altbürgermeister und der Hellermeier sind
tot. Die beiden Männer sitzen in ihren Wohnzimmern und
halten einen vermoderten Schafskopf im Schoß. Später
wird der ergraute, immer noch spargeldünne Manfred,
die noch pummeligere, jetzt blondiert Birgit, und die
nervöse Carmen sagen, sie hätten einen Mann im Dorf
gesehen, einen komischen Fremden, schlank und hoch
gewachsen, mit schwarzem Haar. Und das sie irgendwie
alle an Rudi denken mussten, aber der ist ja seit
vielen Jahren tot.
Ein bitteres Lachen hetzt aus Christophs Kehle. Er
zerknüllt einen verblichenen Handzettel: „Dr. Q hilft
ihnen bei allen Sorgen, beim Lottogewinn, bei
Liebeskummer, Unfruchtbarkeit, Schwermut, wenn der
Tracktormotor klemmt oder die Kühe nicht kalben.
Fragen sie um Rat!“. Er erinnert sich die Hand des
Bürgermeisters, die ihn brutal unter Wasser drückt.
Und wie er keine Luft mehr bekommt und nicht mehr
schreien kann. Bis er wieder aufwacht, von einem Mann
gerettet und behütet, der sein Vater wird und ihm
beibringt, was Liebe bedeutet. Er nimmt seinen blauen
Inhalator aus der Tasche und atmet den bitteren Nebel
tief ein. Er spürt, wie sein Bronchiengewebe sich
langsam entspannt und Luft wieder aus ihm herauskommt.
Er wollte nur einen Lutscher bei seinem Onkel klauen.
Dann hat er die beiden gesehen, wie sie etwas in
Zöllers hinterem Zuckerversteck verbargen. Sein Onkel
war kreidebleich, der Bürgermeister bedrohlich groß.
Der weiße Mädchenrock und der schwarze Ledergürtel
waren wohl sein Todesurteil. Aber wer hätte schon
einem Jungen geglaubt, den es nicht mehr gibt, den
keiner sucht und der nachts im Traum im Himmel tanzt,
mit einem jungen Mädchen und ihrem Freund. Und morgens
immer aufwacht, von der Hand die ihn streichelt,
dort wo sie nicht streicheln darf.
(©) project crema/2008
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